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„Jetzt erst recht“: Wie Silke Christmann Superheldin mit aufgebaut hat – und warum Chancengleichheit mehr ist als ein Nischenthema

Als Silke Christmann gemeinsam mit Sandra Westermann den Stift beim Notar ansetzt, steht die Stimmung im Land auf der Kippe: Bayern befindet sich kurz vor den Schul- und Kitaschließungen, Corona zieht eine Schneise durch Planungen, Budgets und Bauchgefühle. Der März 2020 ist eigentlich kein Zeitpunkt, an dem man ins Risiko geht. Und doch unterschreibt Christmann und wird Investorin bei Superheldin, dem ersten Jobportal für weibliche Talente in Deutschland.

Heute erzählt sie diese Szene nicht als Heldinnenmoment, sondern als eine Entscheidung, die sich irgendwann schlicht nicht mehr vermeiden ließ. Weil es um eine Idee ging, deren Umsetzung längst überfällig war: „Mir ist im Gespräch mit Sandra klar geworden, dass Female Recruiting kein vorübergehender Trend ist, sondern eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Und auch eine ökonomische Notwendigkeit.“

Begegnung im Accelerator: Erst Coaching, dann Commitment

Kennengelernt hat Christmann Sandra Westermann in einem Accelerator-Programm. Diese Programme bieten Start-ups die Möglichkeit, ihr Profil zu schärfen, sich mit Mentor:innen auszutauschen und finanzielle Unterstützung zu finden. Christmann, Medientrainerin und Coach, begleitete Westermann in dieser frühen Phase. Es ging um Sprache, Außenwirkung, Positionierung. Und damit sehr schnell auch um das, was unter der Oberfläche liegt: Muster am Arbeitsmarkt, strukturelle Hürden, die Frage, warum „Female Recruiting“ nicht nur ein Trendbegriff ist, sondern ein gesellschaftlicher Hebel.

„Ich habe nicht in ein soziales Projekt investiert, sondern in den Teil einer Lösung für eine riesige, ungelöste gesellschaftlichen Aufgabe“, sagt Christmann. Dieser Satz ist ihr bis heute sehr wichtig. Denn das Ziel von Superheldin ist nicht: Wir helfen den Frauen halt ein bisschen. Sondern: Wir lösen ein Problem, das Deutschland teuer zu stehen kommt.

Schließlich lässt der Arbeitsmarkt, der über Fachkräftemangel klagt, gleichzeitig viel Potenzial liegen. 2024 gehörten rund 3,1 Millionen Menschen zur „Stillen Reserve“, also Personen, die arbeiten wollen, aber aktuell nicht aktiv suchen oder nicht kurzfristig verfügbar sind. Frauen stellen dabei die Mehrheit, häufig wegen Betreuungspflichten. Trotzdem ist es Christmann wichtig, dass Superheldin Frauen über die Mutterrolle hinaus wahrnimmt: „Vereinbarkeit ist ein wichtiges Thema, natürlich. Aber das gilt für alle, nicht nur für Frauen. Und es gibt genug Frauen, auch Mütter, die dieses Thema für sich gut gelöst haben.“

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Weg vom Mutter-Label – hin zur Frau als wichtiger Fachkraft

Anfangs war die Idee im Markt oft als „Mom-Jobbörse“ gerahmt – gut gemeint, aber aus ihrer Sicht stark verkürzend: Wer Frauen vor allem über eine potenzielle Mutterrolle adressiert, bestätigt genau das Vorurteil, das später Karrierewege ausbremst. Superheldin hat deshalb bewusst die Perspektive geweitet: Frauen als Talente, nicht als Sonderfall. „Es geht wirklich darum, die Frauen selbst als wertvoll wahrzunehmen. Frauen sind toll für den Arbeitsmarkt, weil sie qualifiziert sind, weil sie eine Ausbildung haben, weil sie was können. Es geht nicht darum, ihnen einen Gefallen zu tun“, betont Christmann.

Das klingt nach Marketing-Detail, ist aber politisch, kulturell und wirtschaftlich wichtig. Denn die Reduktion wirkt in beide Richtungen: Sie reduziert Frauen auf eine einzige Rolle, und sie macht Unternehmen bequem. Christmann meint dazu: „Der Fokus liegt oft noch zu sehr auf dem Recruiting. Die Unternehmen stellen die Frauen ein und damit ist es getan. Alles darüber hinaus geht an den Frauen vorbei. Der Fokus muss sich verlagern hin zu Bindung und Förderung von Frauen im Unternehmen. Das ist eine Herausforderung auf dem Markt.“

Darum ist Superheldin inzwischen weit mehr als nur eine Jobbörse: Mit hochwertigem Employer Branding macht das Unternehmen die Arbeitgeber sichtbar, bei denen Frauen bereits ganzheitlich unterstützt werden und ihre Karriere vorantreiben können. Dabei geht es auch innovative Wege und entwickelt immer neue Formate und Ansätze. So produzierte Superheldin im Frühjahr 2026 das erste Employer-Branding-Microdrama in Deutschland: Eine außergewöhnliche Idee, die bei der Umsetzung auf „Female First“ setzt, mit weiblicher Regie, weiblichem Drehbuch und starken weiblichen Charakteren.

Wer über Fachkräftemangel redet, muss über Frauen reden

„Wenn wir über Fachkräftemangel reden, müssen wir über Frauen reden“, sagt Christmann. Nicht als Moralappell, sondern als nüchterne Gleichung: „Wir wussten, dass der traditionelle Recruiting-Markt nicht in der Lage war, sein größtes ungenutztes Talentreservoir, nämlich die Frauen, effizient zu erschließen. Und wir wussten: Wer das beste biasfreie Werkzeug für Female Recruiting besitzt, gewinnt den War for Talents. Genau da haben wir mit Superheldin angesetzt.“      

Im Coaching mit Westermann begann Christmann, sich tiefer mit Daten zu Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Der Gender Pay Gap in Deutschland hält sich hartnäckig: Frauen verdienten 2024 pro Stunde im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer; der bereinigte Unterschied lag unverändert bei 6 Prozent. Inzwischen zeigt sich auch für 2025: Die Lücke bleibt bei 16 Prozent. Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt stagniert der Wert. Bisher ging er seit 2015 zwar minimal, aber doch konstant zurück.

Noch drastischer wirkt der Blick Richtung Rente. Der Gender Pension Gap lag 2023 bei 39,4 Prozent, wenn man Hinterbliebenenleistungen herausrechnet und nur auf die eigenständig erworbenen Alterseinkünfte schaut. Für Christmann war das keine abstrakte Kennziffer, sondern ein Echo aus dem eigenen Umfeld: Freundinnen, die nach Trennung, Teilzeitjahren oder Pflegephasen rechnen müssen, ob die Miete im Alter noch aufgeht. Hier sieht sie die Unternehmen in der Verantwortung, echte berufliche Perspektiven für Frauen zu bieten. Aber auch die Frauen selbst können sich stark machen: „Ich bin oft erstaunt, wie wenig Frauen sich mit dem Thema Geld auseinandersetzen. Dabei sind weibliche Anlegerinnen im Schnitt sogar erfolgreicher. Das ist ein wichtiges Thema und das gilt beispielsweise auch für Unternehmensgründungen.“

Deutschland und die Gründerinnen-Lücke: viel Talent, wenig Kapital

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Christmann hat nicht investiert, weil sie „auch mal was mit Startups“ machen wollte. Sie investierte, weil sie in Westermanns Team eine Kombination sah, die sie selbst als entscheidend beschreibt: Mission plus Kompetenz. Gerade in frühen Phasen sei das Team oft wichtiger als das Produkt, weil es die Ausdauer liefert, wenn die Kurve nicht nach Plan verläuft.

Und ja, sie nennt das Risiko beim Namen: Statistisch scheitern viele Startups. Trotzdem unterschreibt sie in der Woche, in der alles zum Stillstand kommt. Im Rückblick wirkt es fast logisch: Corona hat die Arbeitswelt aufgebrochen. Remote Work, flexible Modelle, neue Routinen. Plötzlich ergab sich eine Möglichkeit, alte Muster wirklich zu verändern.

Aktuell erhalten weibliche Start-ups nur 1 bis 2% der Investments – obwohl sie im Schnitt eine mehr als doppelt so hohe Rendite erwirtschaften. Initiativen wie „Women Angels Mission ’25“ setzen sich dafür ein, den Anteil weiblicher Business Angels deutlich zu erhöhen. Für Christmann ist das ein wichtiger Hebel: Wer am Finanzierungstisch sitzt, entscheidet mit, welche Zukunft überhaupt gebaut wird.

Sie argumentiert gern mit dem doppelten Return: wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ihr Investment soll sich rechnen – aber es soll auch Wirkung entfalten: „Mir ist aber auch immer wichtig, zu betonen, dass es mir natürlich um die Mission geht. Aber es ist auch ein Investment, von dem ich mir finanziellen Erfolg verspreche.“ 

Superheldin versteht sie als Teil einer Lösung, nicht als Trostpflaster: eine Plattform, die Unternehmen mit weiblichen Talenten zusammenbringt, Stellenanzeigen schärft, Bias reduziert und Arbeitgeber sichtbar macht, die es ernst meinen.

Und die persönlichste Begründung: zwei Töchter, ein Anspruch für die Zukunft

Am Ende kommt Christmann immer wieder zu einem Punkt zurück, der leiser ist als alle Statistiken und trotzdem trägt: ihre zwei Töchter. Sie will Vorbild sein. Selbst kommt sie aus einer Biografie, die mit der Wende 1989 ein neues Möglichkeitsgefühl kannte – und später erleben musste, wie schnell Frauen auch in einer stabilen Demokratie wieder in Schubladen rutschen. „Ich habe diese beiden großartigen, starken Frauen in meinem Leben. Und ich will, dass ihnen wirklich alle Möglichkeiten offenstehen“.

Superheldin ist für sie deshalb auch Einsatz für die nächste Generation: Talent soll zählen, nicht die Erwartung, wie eine Frau ihr Leben zu führen hat. Und man spürt: Das ist nicht Marketing. Das ist ein Plan.

„Die größte Wirkung wäre, wenn es irgendwann keine Ausnahme mehr ist, dass Frauen dort sitzen, wo entschieden wird“, sagt sie.

Alice Andres

Über die Autorin

Alice Andres

Alice Andres schreibt bei Superheldin über Female Recruiting, Employer Branding und Frauen in der Arbeitswelt. Sie entwickelt fundierte, verständliche Inhalte für Unternehmen, die weibliche Talente gezielter erreichen und ihre Arbeitgebermarke glaubwürdig sichtbar machen möchten. Ihr Fokus liegt darauf, Unternehmenskultur klar, nahbar und wirkungsvoll in Worte zu fassen.

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