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Warum ambitionierte Frauen aufhören sollten, an sich zu arbeiten

Gastbeitrag von Lena Wittneben

Das Wichtigste in Kürze

Selbstführung für Frauen statt Selbstoptimierung

Ambitionierte Frauen müssen nicht ständig an sich arbeiten, um beruflich erfolgreich zu bleiben. Lena Wittneben beschreibt, warum permanente Selbstoptimierung unter hoher beruflicher Belastung, Care-Verantwortung und wachsendem Leistungsdruck in Erschöpfung führen kann. Als Alternative plädiert sie für Selbstführung: klare Prioritäten, bewussten Umgang mit Energie und einen realistischen Anspruch an die eigene Leistungsfähigkeit.

  • Selbstoptimierung kann zusätzlichen Druck erzeugen: Wer auf Überlastung mit noch mehr Routinen, Produktivitätstools und Selbstmanagement reagiert, behandelt strukturelle und persönliche Belastungsgrenzen schnell wie ein individuelles Defizit.
  • Toxische Positivität verstärkt den Anspruch, alles gleichzeitig schaffen zu müssen: Karriere, Care-Arbeit, persönliche Entwicklung, Resilienz und Sichtbarkeit werden häufig als gleichzeitig erreichbare Idealziele dargestellt.
  • Selbstführung für Frauen setzt einen anderen Schwerpunkt: Statt zu fragen, wie man schneller, belastbarer oder effizienter wird, geht es darum, welche Aufgaben, Ziele und Erwartungen in der aktuellen Lebensphase tatsächlich Priorität haben.
  • Langfristige Ambition braucht Grenzen: Gelassenheit und Unperfektheit stehen beruflichem Anspruch nicht entgegen. Sie können helfen, Energie gezielter einzusetzen und ambitionierte Ziele zu verfolgen, ohne dauerhaft im Funktionsmodus zu bleiben.

Einordnung von , systemische Coach, Moderatorin, Speakerin und Autorin des Buches „Ganz gelassen unperfekt“.

Ich sitze mit einer Klientin im Coaching, Führungskraft, Anfang vierzig, drei Beförderungen in fünf Jahren. Sie sagt: „Ich funktioniere einfach nur noch.“ Kein Vorwurf in ihrer Stimme, mehr ein Erstaunen, fast so als hätte sie gerade selbst gemerkt, wie lange sie das schon tut.

Diesen Satz höre ich oft von Frauen, die beruflich maximal viel schultern: Führungsverantwortung, Projekte, Teams, häufig parallel Care-Arbeit zuhause und die nach außen den Eindruck totaler Souveränität vermitteln. Innerlich läuft da aber ein ganz anderes Programm: der nächste Termin, die nächste Erwartung, die nächste Deadline, ein Funktionieren als Dauerzustand, getarnt als Kompetenz.

Auch darüber schreibe ich in meinem neuen Buch „Ganz gelassen unperfekt“ (Campus Verlag). Und genau das begegnet mir bei Frauen in Verantwortung immer wieder: eine Erschöpfung, die nicht wie Erschöpfung aussieht, weil sie so gut kaschiert ist.

Die alte Formel trägt nicht mehr

Wir sind mit einem Versprechen aufgewachsen: Wer sich nur genug anstrengt, seine Zeit gut genug managt und an den richtigen Stellschrauben dreht, bekommt am Ende Kontrolle über sein Leben, „is´klar“….Selbstoptimierung als Deal; Einsatz gegen Sicherheit. Nur stimmt der Deal schon lange nicht mehr. Wir befinden uns in einer Welt aus Dauerkrise, ökonomischer Unsicherheit und einer Beschleunigung, die durch KI noch einmal einen amtlichen Gang zulegt hat. Prozesse, die früher Tage brauchten, laufen in Minuten, wer nicht mithält, hat sofort das Gefühl, zurückzufallen. Gleichzeitig bleibt die Care-Verantwortung meist unsichtbar an denselben Personen hängen, die auch beruflich liefern sollen; überproportional oft an Frauen.

In dieser Gemengelage wird die alte Optimierungslogik selbst zum Problem: Noch eine Routine, noch ein Produktivitätstool, noch ein Ritual vor der Arbeit, und irgendwann ist der Kalender voller Selbstverbesserung als voller „Leben“.

Toxische Positivität und der Social-Media-Druck

Verschärft wird das durch ein Bild, das uns täglich begegnet und eigentlich längst in den Werberwelten der 80er und 90er geblieben sein sollte: die Frau, die alles schafft, und zwar mit einem Lächeln, Karriere, Kinder, Fitness, Beziehung, ein bisschen Weiterbildung nebenbei; immer präsentiert als Leichtigkeit. Toxische Positivität nenne ich das in meinem Buch: der Druck, aus jeder Belastung eine Wachstumsgeschichte zu machen, aus jeder Krise ein „Growth Mindset“-Posting; doch nicht jede Zitrone kann und soll zur Limo werden.

Das Problem daran ist nicht Optimismus an sich, aber vielmehr die Botschaft dahinter: Wenn du erschöpft bist, hast du es nicht richtig gemacht. Wenn du an deine Grenzen kommst, brauchst du noch mehr Selbstmanagement. Diese Logik lässt Frauen, die ohnehin viel tragen, ihre Erschöpfung als persönliches Versagen erleben statt als das, was sie oft ist: eine angemessene Reaktion auf zu viele gleichzeitige Anforderungen.

Social Media verstärkt das zusätzlich, wir vergleichen unser vollständiges, ungeschöntes Innenleben mit den kuratierten Highlights – und den Ergebnissen – anderer. Das Ergebnis ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält: dass alles gleichzeitig möglich sein müsste; Erfolg, Sichtbarkeit, Resilienz, Ausgeglichenheit, Vereinbarkeit und zwar bitte alles perfekt und natürlich mühelos.

Selbstführung statt Selbstoptimierung

Die Alternative, für die ich plädiere, ist keine neue Optimierungstechnik, es ist ein anderer Ausgangspunkt und Perspektive: Selbstführung statt Selbstoptimierung.

Der Unterschied ist grundlegend. Selbstoptimierung fragt: Wie werde ich besser, schneller, belastbarer? Sie behandelt mich wie ein System, das man tunen kann. Selbstführung fragt etwas anderes: Wer will ich sein, in dieser Rolle, in dieser Lebensphase und was brauche ich dafür wirklich? Wofür will ich meine Zeit, Energie, Aufmerksamkeit einsetzen? Sie geht davon aus, dass ich eine Person bin, keine Maschine, die man auf Effizienz trimmt.

Praktisch bedeutet das eine Reihe von Verschiebungen, die ich in meiner Coaching-Arbeit und in meinem Buch immer wieder beobachte:

Von Kontrolle zu Klarheit. Nicht jede Situation lässt sich beherrschen; Dauerkrise und Unsicherheit gehören dazu. Aber ich kann klären, was in dieser Situation wirklich mir gehört, und was nicht meine Aufgabe ist.

Von Funktionieren zu Wirksamkeit. Funktionieren heißt, dass nichts zusammenbricht, Wirksamkeit heißt, dass meine Energie dort ankommt, wo sie wirklich etwas bewegt; beruflich wie privat. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ziele!

Von Perfektion zu Priorität. Niemand schafft alles gleichzeitig auf Top-Niveau. Wer das akzeptiert, kann bewusst entscheiden, was gerade Vorrang hat, statt sich an allen Fronten gleichzeitig aufzureiben.

Von Lautstärke zu Substanz. Sichtbarkeit ist im Berufsleben wichtig, keine Frage. Aber Sichtbarkeit, die aus einer erschöpften Grundhaltung heraus produziert wird, hält selten lange durch. Substanz schon.

Ambitioniert bleiben, ohne sich zu verlieren

Was mir in Gesprächen mit Frauen in Führungspositionen und Verantwortungsrollen am wichtigsten ist: Es geht nicht darum, weniger zu wollen. Es geht darum, anders zu tragen, was man will.

Ambitioniert zu sein ist bewundernswert und nun wahrlich kein Schwäche, die man sich abtrainieren müsste, um gesund zu bleiben. Doch Ambition, die nur noch aus Funktionieren besteht, frisst sich selbst auf, sodass irgendwann von der ursprünglichen Motivation nichts mehr übrig bleibt, außer dem Betrieb, der am Laufen gehalten werden muss. Und eine ganz eigene Form von Gelassenheit ist in diesem Zusammenhang kein Rückzug und keine Anspruchslosigkeit; es ist eine Haltung, aus der heraus Frauen ihre Ziele klarer verfolgen können, weil sie nicht mehr im permanenten Alarmmodus stecken. „Unperfekt“ zu sein, ist dabei keine Kapitulation vor dem eigenen Anspruch, sondern die Voraussetzung dafür, ihn langfristig überhaupt halten zu können.

Wer beruflich viel bewegen will, in einer Arbeitswelt, die sich nicht verlangsamt, sondern durch KI und Dauerkrise eher beschleunigt, kommt an dieser Frage nicht vorbei:

Wie kann und will ich souverän bleiben, ohne mich dabei selbst zu verlieren? Das ist keine Frage, die sich mit einer weiteren Optimierungsrunde beantworten lässt, sie braucht eine andere Grundhaltung sich selbst gegenüber.

Lena Wittneben
Hamburg, August 2026

Über die Autorin

Lena Wittneben

Lena Wittneben ist systemische Coach, Moderatorin, Speakerin und freie Autorin aus Hamburg. Sie begleitet Führungskräfte, Teams und Sinnsucher:innen im Spannungsfeld zwischen Leistung und Selbstfürsorge und schreibt unter anderem für Spiegel Online (Job & Karriere).

Ihr Buch: „Ganz gelassen unperfekt – Erfolg und Zuversicht jenseits von digitalem Dauerrausch und Selbstoptimierung“
Erscheinungsdatum 27. August 2026 im Campus Verlag.

Lena Wittneben
FAQ

Häufige Fragen zu Selbstoptimierung und Selbstführung

Kompakte Antworten darauf, warum permanente Selbstoptimierung für ambitionierte Frauen zur Belastung werden kann und wie Selbstführung für Frauen einen anderen Umgang mit Leistung, Prioritäten und eigenen Grenzen ermöglicht.

Warum kann Selbstoptimierung für ambitionierte Frauen zum Problem werden?

Wenn hohe berufliche Anforderungen, Care-Arbeit und gesellschaftliche Erwartungen gleichzeitig zusammenkommen, kann zusätzliche Selbstoptimierung den Druck weiter erhöhen. Lena Wittneben beschreibt, dass Erschöpfung dann schnell als persönliches Defizit interpretiert wird, auf das mit noch mehr Routinen, Produktivität und Selbstmanagement reagiert werden soll.

Was ist der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Selbstführung für Frauen?

Selbstoptimierung fragt vor allem danach, wie Menschen leistungsfähiger, schneller oder belastbarer werden können. Selbstführung setzt früher an: Welche Ziele sind in der aktuellen Lebensphase wirklich wichtig, wofür sollen Zeit und Energie eingesetzt werden und welche Erwartungen gehören überhaupt zur eigenen Verantwortung?

Welche Rolle spielen Perfektionismus und toxische Positivität?

Toxische Positivität und idealisierte Bilder von Karriere, Familie, Fitness und persönlicher Entwicklung können den Eindruck erzeugen, alles müsse gleichzeitig und scheinbar mühelos gelingen. Dadurch kann Überlastung wie individuelles Versagen wirken. Wittneben plädiert deshalb dafür, Perfektion durch bewusst gesetzte Prioritäten zu ersetzen.

Wie können Frauen ambitioniert bleiben, ohne sich dauerhaft zu überlasten?

Der Artikel empfiehlt keinen Rückzug von beruflichen Zielen, sondern einen bewussteren Umgang mit den eigenen Ressourcen. Entscheidend sind Klarheit über Prioritäten, ein gezielter Einsatz von Energie und die Akzeptanz, dass nicht alle Lebensbereiche gleichzeitig auf höchstem Niveau funktionieren müssen. Gelassenheit wird dabei als Voraussetzung für langfristige Wirksamkeit verstanden.

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